Klingt übertrieben? Volvo meint es ernst.
Während andere Autohersteller ihre Displays mit immer mehr Funktionen vollpacken, hat der schwedische Hersteller eine andere Priorität gesetzt: Lesbarkeit. Im Dezember 2025 stellte Volvo eine eigene Schriftart vor – Volvo Centum. Keine Marketing-Spielerei, sondern ein Sicherheitsfeature. Entwickelt mit dem Londoner Type-Studio Dalton Maag, das auch für Netflix, BBC und Korean Air arbeitet.
Die Idee dahinter ist simpel: Jede Sekunde, die ein Fahrer auf das Display schaut statt auf die Straße, ist eine Sekunde zu viel. Eine lesbarere Schriftart verkürzt diese Zeit. Und genau hier setzt Volvo an.
Was Volvo Centum anders macht
Volvo Centum ist keine gewöhnliche Schriftart. Sie wurde speziell für „Glance-driven Environments“ entwickelt – Umgebungen, in denen Informationen in Sekundenbruchteilen erfasst werden müssen. Bei 100 km/h auf der Autobahn zählt jede Millisekunde.
Das Design basiert auf kognitiver Psychologie und visueller Wahrnehmung. Matthew Hall, UX Creative Director bei Volvo, erklärt: „Jedes Detail in unserem Interface ist eine Gelegenheit, sichereres Fahren zu unterstützen. Typografie ist eines der mächtigsten und gleichzeitig am meisten unterschätzten Werkzeuge, die wir haben.“
Die technischen Details:
- Character Disambiguation: Ähnliche Buchstaben sind klar voneinander unterscheidbar. Ein „l“ sieht nicht aus wie ein „I“.
- Offene Counters: Die Binnenräume in Buchstaben wie a, e, o sind weit geöffnet – das verhindert, dass Zeichen bei schnellem Lesen verschwimmen.
- Optimierte Abstände: Jeder Buchstabe hat präzise kalkulierte Abstände, die das Scannen und Dekodieren beschleunigen.
- Variable Lichtverhältnisse: Die Schrift funktioniert bei grellem Tageslicht genauso wie bei Nachtfahrten.
Zeynep Akay, Creative Director bei Dalton Maag, bringt es auf den Punkt: „Das Design für Bewegung und blickbasiertes Lesen erfordert eine andere Denkweise. Das ist Typografie, die unter Druck funktionieren muss, über Sprachen hinweg, bei 100 km/h.“
Von Schweden für die Welt
Volvo Centum unterstützt über 800 Sprachen – darunter komplexe Schriftsysteme wie Chinesisch, Arabisch, Japanisch und Koreanisch. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Viele westliche Schriften sind für lateinische Alphabete optimiert und scheitern bei anderen Schriftsystemen.
Die Schrift funktioniert konsistent über alle Plattformen: vom Instrumentencluster über das Infotainment-System bis zur Navigation. Egal ob auf einem 12-Zoll-Display im Cockpit oder einem kleineren Screen im Armaturenbrett – Volvo Centum bleibt lesbar.
Inspiration aus der eigenen Geschichte
Der Name „Centum“ ist eine Anspielung auf Volvos 100. Jubiläum im Jahr 2027. Aber die Schrift schaut nicht nur voraus, sondern auch zurück. Das Design-Team ließ sich von klassischen Volvo-Modellen inspirieren – besonders vom Volvo 850 aus den 1990er Jahren.
Matthew Hall, selbst ein Fan des 850, erklärt: „Was mich überrascht hat, ist, wie die Qualitäten, die den Volvo 850 zeitlos machen, sich so natürlich in Typografie übersetzen lassen. Die kastenförmigen Kurven, die klaren horizontalen Abschlüsse und die selbstbewussten geraden Segmente von Volvo Centum schaffen ein System, das sowohl ausdrucksstark als auch zielgerichtet ist.“
Die Designelemente reichen von den vertikalen Rücklichtern bis zur Diagonale des Dreipunkt-Sicherheitsgurts – Volvos ikonische Erfindung aus dem Jahr 1959. Diese Verbindung zwischen Heritage und Innovation ist typisch skandinavisch: funktional, reduziert, durchdacht.
Der Weg zur eigenen Schrift
Dass Volvo eine eigene Schriftart entwickelt, ist kein Zufall. Die Vorgänger – Volvo Broad und Volvo Sans – stammten von Drittanbietern. Das bedeutete Lizenzkosten und weniger Kontrolle über die Darstellung.
Mit Volvo Centum besitzt Volvo die Schrift vollständig. Das ermöglicht:
- Anpassungen für spezifische Anforderungen (z.B. Vibrationen im Auto, Blendung)
- Integration in Over-the-Air-Updates
- Konsistente Darstellung über alle Fahrzeugmodelle
- Keine laufenden Lizenzgebühren
Netflix ging 2017 den gleichen Weg und ließ ebenfalls von Dalton Maag die „Netflix Sans“ entwickeln. Der Grund: Millionen Dollar Lizenzkosten sparen und die Marke „ownable“ machen – also unverwechselbar besitzen.
Warum das wichtig ist
Moderne Autos sind rollende Computer. Touchscreens haben physische Tasten ersetzt. Das hat Vorteile – aber auch Risiken. Jede Information, die über einen Bildschirm läuft, muss schnell erfassbar sein.
Volvo Centum reduziert die kognitive Last. Fahrer müssen weniger nachdenken, um zu verstehen, was das Display zeigt. Das klingt marginal – ist es aber nicht. Bei 100 km/h legt ein Auto in einer Sekunde fast 28 Meter zurück. Eine halbe Sekunde weniger auf dem Display bedeutet 14 Meter mehr Aufmerksamkeit auf der Straße.
Pablo Bosch, Font Developer bei Dalton Maag, formuliert es so: „Jede Design-Entscheidung – Form, Gewicht, Proportion – wurde getroffen, um Fahrern zu helfen, schneller zu lesen, besser zu verstehen und sich im Auto zu konzentrieren.“
Wo Volvo Centum zum Einsatz kommt
Die Schrift debütiert Anfang 2026 im Volvo EX60, dem neuen elektrischen SUV. Danach folgt ein breiterer Rollout:
- Over-the-Air-Updates für bestehende Modelle
- Alle neuen Volvo-Fahrzeuge
- Möglicherweise auch außerhalb des Fahrzeugs (Website, Marketing-Material)
Der EX60 wird das erste Modell sein, das komplett mit Volvo Centum ausgestattet ist – vom Startbildschirm bis zur Navigation. Millionen Volvos weltweit sollen die neue Schrift per Software-Update erhalten.
Was andere Hersteller tun
Volvo ist nicht der erste Autohersteller mit eigener Schriftart, aber einer der ersten, der Lesbarkeit über Ästhetik stellt.
Tesla geriet 2023 in die Kritik, weil eine Schriftart auf dem Display als unsicher eingestuft wurde – zu klein, zu dünn, schwer lesbar. Die Folge: ein Rückruf.
BMW, Audi und Mercedes haben eigene Schriften, aber die liegen eher im Branding-Bereich. Volvo geht weiter und macht Typografie zum Sicherheitsmerkmal.
Die Rolle von Dalton Maag
Dalton Maag ist kein unbekanntes Studio. Gegründet 1991 vom Schweizer Type Designer Bruno Maag, arbeitet das Londoner Studio (mit Büro in São Paulo) für globale Marken:
- Netflix Sans (2017) – Millionen Dollar Lizenzkosten gespart
- BBC Reith (2021) – für alle BBC-Plattformen
- Amazon Bookerly (2015) – Standard-Schrift für Kindle
- Nokia Pure (2011) – gewann Design Museum Award
Die Liste ist lang: Airbnb, McDonald’s, Ducati, DHL, Vodafone, Korean Air. Dalton Maag versteht es, Schriften für spezifische Zwecke zu entwickeln – nicht nur schön, sondern funktional.
Kritik: Ist das genug?
So innovativ Volvo Centum ist – die Schrift löst nicht das Grundproblem: Touchscreens lenken ab. Egal wie lesbar die Schrift ist, physische Tasten wären sicherer. Sie können ertastet werden, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.
Kommentare unter Volvo-Artikeln machen das deutlich: „Sehr schön und gut, aber der beste Weg zur Sicherheit ist, physische Bedienelemente für die wichtigsten Funktionen zurückzubringen.“ Immerhin: Volvo hört zu. Im Oktober 2025 kündigte der Hersteller an, das Zugangssystem mit Schlüsselkarten möglicherweise durch traditionelle Schlüsselanhänger zu ersetzen.
Die Schrift ist ein Schritt in die richtige Richtung – aber kein Ersatz für haptisches Feedback.
Was Volvo Centum für Designer bedeutet
Für Mediengestalter und Corporate Designer ist Volvo Centum ein Lehrstück:
- Funktion vor Form: Eine Schrift kann mehr sein als Dekoration. Sie kann ein Werkzeug sein.
- Context matters: Typografie für Print funktioniert anders als für Screens. Und Screens im Auto haben eigene Regeln.
- Eigenständigkeit zahlt sich aus: Wer eine eigene Schrift besitzt, hat Kontrolle. Keine Lizenzkosten, keine Abhängigkeit.
- Heritage nutzen: Volvo hat nicht bei Null angefangen, sondern die eigene Geschichte in die Schrift integriert.
Volvo Centum zeigt, dass Typografie strategisch sein kann. Nicht nur ein Branding-Element, sondern ein Sicherheitsfeature.
Fazit: Typography as Safety
Eine Schriftart rettet keine Leben – aber sie kann dazu beitragen. Volvo Centum ist ein Beispiel dafür, wie durchdachtes Design echte Probleme löst. Keine Spielerei, kein Marketing-Gag. Sondern eine funktionale Lösung für ein reales Problem: Ablenkung im Auto.
2027 feiert Volvo sein 100. Jubiläum. Die Schrift Volvo Centum ist eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Von den vertikalen Rücklichtern des 850 bis zur Typografie bei 100 km/h – Sicherheit bleibt die Konstante.
Vielleicht sollten mehr Unternehmen ihre Schriften hinterfragen: Ist das nur Dekoration? Oder kann Design mehr leisten?
Bei Volvo lautet die Antwort: Ja, kann es.




















