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Zirkuläres Design in der Mediengestaltung – Nachhaltigkeit von Print bis Digital

Zirkuläres Design in der Mediengestaltung – Nachhaltigkeit von Print bis Digital

Nachhaltigkeit ist längst kein Randthema mehr, sondern eine Notwendigkeit, die alle Branchen erfasst – auch die Mediengestaltung. Während wir uns jahrzehntelang auf Ästhetik, Funktionalität und Wirkung konzentriert haben, kommt nun eine dritte Dimension hinzu: die ökologische Verantwortung. Zirkuläres Design, also die Gestaltung mit dem Ziel, Ressourcen im Kreislauf zu halten und Abfall zu minimieren, fordert uns heraus, unsere Arbeit grundlegend zu überdenken.

Die gute Nachricht: Nachhaltiges Design muss nicht auf Kosten von Qualität oder Kreativität gehen. Im Gegenteil – die Beschränkungen können zu innovativeren, durchdachteren Lösungen führen. Zirkuläres Design ist keine Einschränkung, sondern eine Erweiterung unseres gestalterischen Denkens.

Was bedeutet zirkuläres Design?

Das Konzept des zirkulären Designs stammt aus der Circular Economy, der Kreislaufwirtschaft. Statt des linearen Modells „Produzieren – Nutzen – Wegwerfen“ zielt es auf geschlossene Kreisläufe ab: Materialien bleiben im System, Produkte werden so gestaltet, dass sie repariert, wiederverwendet oder vollständig recycelt werden können.

Für die Mediengestaltung bedeutet das konkret:

  • Materialwahl: Welche Papiere, Farben, Veredelungen verwenden wir?
  • Langlebigkeit: Wie gestalten wir, damit Medien länger genutzt werden?
  • Recyclingfähigkeit: Lassen sich unsere Produkte am Ende ihres Lebenszyklus sinnvoll zurückführen?
  • Ressourceneffizienz: Wie minimieren wir Verschwendung in Produktion und Distribution?
  • Digitale Nachhaltigkeit: Welchen ökologischen Fußabdruck haben digitale Produkte?

Zirkuläres Design im Print: Vom Papier bis zur Entsorgung

Der Printbereich ist traditionell material- und ressourcenintensiv. Hier gibt es zahlreiche Ansatzpunkte für zirkuläres Design:

1. Die Papierwahl als Grundsatzentscheidung

Nicht jedes Recyclingpapier ist gleich. Moderne Recyclingpapiere haben längst das grau-grisselige Image abgelegt und bieten hervorragende Druckqualitäten. Die relevanten Zertifizierungen sind:

Blauer Engel: Der strengste deutsche Umweltstandard, garantiert 100% Altpapier FSC Recycled: Mindestens 85% Recyclingfasern FSC Mix: Mischung aus zertifizierten Frischfasern und Recyclingmaterial PEFC: Nachhaltige Forstwirtschaft, aber keine Recycling-Anforderung

Die Entscheidung für Recyclingpapier reduziert den Wasserverbrauch um bis zu 70%, den Energieverbrauch um 60% und vermeidet die Abholzung von Bäumen. Für hochwertige Publikationen gibt es mittlerweile Recyclingpapiere, die in Haptik und Druckqualität kaum von Frischfaserpapieren zu unterscheiden sind.

Alternativen jenseits von Holzfasern: Graspapier, Hanfpapier oder Papier aus Agrarabfällen bieten spannende Möglichkeiten. Graspapier etwa benötigt nur 2 Liter Wasser pro Tonne statt 6.000 Liter bei konventionellem Papier und hat eine charakteristische, natürliche Optik, die zum Markenwert beitragen kann.

2. Druckfarben und Veredelungen überdenken

Konventionelle Druckfarben basieren oft auf Mineralöl. Die Alternativen:

Pflanzenölbasierte Farben: Aus Leinöl, Sojaöl oder Rapsöl, biologisch abbaubar und mit deutlich geringerem CO₂-Fußabdruck. Die Druckqualität ist mittlerweile ebenbürtig zu mineralölbasierten Farben.

Wasserbasierte Farben: Besonders für Verpackungen interessant, lassen sich leichter im Recyclingprozess auswaschen.

Bei Veredelungen wird es kritischer: Folienprägungen, Plastik-Laminierungen und UV-Lacke erschweren oder verhindern das Recycling. Zirkuläre Alternativen sind:

  • Heißfolienprägung ohne Klebstoff: Recyclebar im Gegensatz zu Kaltfolien
  • Dispersionslack statt UV-Lack: Wasserlöslich und recyclingfähig
  • Prägen ohne Farbe: Rein mechanische Veredelung, die das Material nicht verändert
  • Naturpapiere unveredelt: Manchmal ist die beste Veredelung keine Veredelung

3. Format und Nutzen: Verschnitt minimieren

Ein unterschätzter Aspekt der Nachhaltigkeit ist die effiziente Formatwahl. Standardformate wie DIN A4, A5 oder A6 nutzen die Druckbogen optimal aus. Sonderformate hingegen produzieren oft erheblichen Verschnitt – Papier, das ungenutzt in den Müll wandert.

Gestalterische Herausforderung: Wie schaffen wir innerhalb standardisierter Formate individuelle, charakterstarke Designs? Die Beschränkung auf DIN-Formate zwingt uns, mit Typografie, Farbigkeit, Bildsprache und Layout zu arbeiten statt mit exotischen Formaten zu beeindrucken.

Bei Auflagen ist weniger manchmal mehr: Lieber kleinere Auflagen und bei Bedarf nachproduzieren als Tausende Broschüren zu drucken, die später im Altpapier landen. Print-on-Demand-Technologien machen dies zunehmend wirtschaftlich.

4. Bindetechniken und Langlebigkeit

Die Art, wie wir Publikationen binden, beeinflusst ihre Recyclingfähigkeit erheblich:

Problematisch: Fadenheftung mit synthetischen Fäden, Spiralbindungen aus Plastik, Klebebindungen mit PU-LeimBesser: Fadenheftung mit Naturfasern, Rückendrahtheftung (leicht zu entfernen), Klebebindungen mit Dispersionsklebern

Für längerfristig genutzte Publikationen sind hochwertige, reparierbare Bindungen sinnvoll. Ein Handbuch mit Fadenheftung hält Jahrzehnte, während eine billige Klebebindung nach wenigen Jahren auseinanderfällt.

5. Design für Mehrfachnutzung

Zirkuläres Design bedeutet auch, Printprodukte so zu gestalten, dass sie länger genutzt oder anders weiterverwendet werden können:

  • Modulare Kataloge: Aktualisierbare Ringbücher statt komplett neu gedruckter Kataloge
  • Zeitloses Design: Verzicht auf kurzlebige Trends, die das Produkt schnell veralten lassen
  • Multifunktionale Gestaltung: Verpackungen, die zu Displays werden; Poster, die zu Notizheften werden
  • Reduzierter Farbauftrag: Weniger Farbe bedeutet weniger Chemikalien und leichteres Recycling

Zirkuläres Design im Digital: Die unterschätzte Umweltlast

„Digital ist doch automatisch nachhaltig“ – ein weit verbreiteter Irrglaube. Die digitale Welt verursacht mittlerweile etwa 4% der globalen CO₂-Emissionen, Tendenz steigend. Rechenzentren, Datenübertragung und die Herstellung von Endgeräten haben einen erheblichen ökologischen Fußabdruck.

1. Webdesign und Performance: Weniger ist mehr

Jedes Byte, das über das Internet übertragen wird, verbraucht Energie. Eine schwergewichtige Website mit hunderten hochauflösenden Bildern, aufwendigen Animationen und dutzenden eingebundenen Skripten belastet die Umwelt mehr als eine schlanke, optimierte Seite.

Konkrete Maßnahmen für nachhaltiges Webdesign:

Bildoptimierung: WebP statt JPEG, moderne Kompression, responsive Images (passende Größen für unterschiedliche Bildschirme), Lazy Loading (Bilder laden erst beim Scrollen). Ein Bild, das von 2 MB auf 200 KB komprimiert wird, spart bei 10.000 Seitenaufrufen 18 GB Datenübertragung.

Schriftenwahl: Systemschriften nutzen statt Custom Fonts zu laden. Die Fonts sind bereits auf jedem Gerät vorhanden, keine Datenübertragung nötig. Wenn Custom Fonts: Variable Fonts statt mehrerer einzelner Font-Dateien laden.

Code-Effizienz: Sauberer, minimierter Code, überflüssige Plugins vermeiden, modernes CSS statt JavaScript-basierter Animationen (CSS ist energieeffizienter).

Farbwahl: Dunkle Farbschemata verbrauchen auf OLED-Bildschirmen weniger Energie. Ein vollständig schwarzes Pixel verbraucht auf OLED praktisch keine Energie, ein weißes Pixel deutlich mehr.

Caching und CDN: Intelligentes Caching reduziert Serveranfragen, Content Delivery Networks verkürzen Übertragungswege.

2. Grünes Hosting: Die Basis der digitalen Infrastruktur

Die Wahl des Hosters ist entscheidend. Rechenzentren verbrauchen enorme Mengen Energie – für Server und für Kühlung. Grünes Hosting bedeutet:

  • 100% erneuerbare Energie für den Betrieb
  • Energieeffiziente Hardware und Kühlung
  • Kompensation unvermeidbarer Emissionen
  • Transparente Berichterstattung über den ökologischen Fußabdruck

Anbieter wie Hetzner, IONOS mit Green-Tarifen oder spezialisierte Öko-Hoster wie GreenGeeks oder Biohost setzen Standards. Der Mehrpreis ist oft minimal, die Wirkung signifikant.

3. Digitale Langlebigkeit und Archivierung

Auch digitale Produkte haben eine Lebensdauer. Websites, die nicht gepflegt werden, veralten technisch und müssen neu entwickelt werden. Apps, die nicht aktualisiert werden, funktionieren auf neuen Betriebssystemen nicht mehr.

Zirkuläres Denken im Digitalen bedeutet:

  • Zukunftssichere Technologien: Offene Standards statt proprietärer Formate
  • Modularer Aufbau: Komponenten können aktualisiert werden, ohne alles neu zu bauen
  • Dokumentation: Damit andere Entwickler das Projekt übernehmen und weiterentwickeln können
  • Barrierefreiheit: Produkte, die für alle nutzbar sind, werden länger und breiter genutzt

4. E-Mail und digitale Kommunikation

Eine einzelne E-Mail mit großem Anhang verursacht etwa 50g CO₂ – klingt wenig, summiert sich aber. Bei 30 Mitarbeitern, die täglich 50 E-Mails versenden, sind das über 275 kg CO₂ pro Jahr.

Praktische Maßnahmen:

  • Newsletter optimieren: Schlanke Templates ohne überflüssige Bilder, optimierte Dateigröße
  • Cloud-Links statt Anhänge: Dateien zentral hosten, nur Link verschicken
  • Empfängerlisten bereinigen: Inaktive Kontakte entfernen reduziert Datenvolumen
  • Alte E-Mails löschen: Alles, was auf Servern liegt, benötigt Energie für Speicherung und Kühlung

5. Social Media und Content-Strategie

Auch hier gilt: Qualität vor Quantität. Zehn durchdachte Posts mit echtem Mehrwert sind nachhaltiger als täglicher Content-Spam. Weniger Postings bedeutet weniger Produktion, weniger Datenübertragung, weniger Aufmerksamkeitskonsum.

Video-Content ist besonders energie-intensiv. Streaming macht mittlerweile über 60% des globalen Internetverkehrs aus. Als Gestalter können wir:

  • Videos in angemessener Auflösung produzieren (4K nur wo nötig)
  • Kompression optimieren
  • Autoplay vermeiden (spart Bandbreite für nicht interessierte User)
  • Statische Inhalte bevorzugen, wo sie ausreichen

Die Kommunikation von Nachhaltigkeit: Zwischen Greenwashing und Authentizität

Nachhaltiges Design ist nicht nur eine technische Frage, sondern auch eine kommunikative Herausforderung. Wie kommuniziert man ökologische Verantwortung, ohne in Greenwashing abzugleiten?

Authentizität durch Transparenz: Konkrete Angaben statt vager Behauptungen. „Gedruckt auf 100% Recyclingpapier mit dem Blauen Engel“ ist glaubwürdiger als „Wir denken an die Umwelt“.

Visuelle Ehrlichkeit: Recyclingpapier muss nicht wie Frischfaser aussehen. Die natürliche Optik kann Teil der Markenidentität werden. Nachhaltige Websites dürfen reduziert sein – Minimalismus als Ausdruck ökologischen Bewusstseins.

Die Grenzen kommunizieren: Ehrlich sein über das, was noch nicht perfekt ist. „Wir arbeiten daran, nachhaltiger zu werden“ ist glaubwürdiger als der Anspruch vollkommener Perfektion.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung: Ist zirkuläres Design teurer?

Die ehrliche Antwort: Teils ja, teils nein, langfristig oft günstiger.

Ja, teurer sind:

  • Hochwertige Recyclingpapiere (10-30% Aufpreis)
  • Öko-zertifizierte Druckereien
  • Grünes Hosting (meist marginaler Aufpreis)
  • Beratung und Entwicklung nachhaltiger Lösungen

Günstiger oder neutral sind:

  • Reduzierte Auflagen (weniger Lagerhaltung, weniger Entsorgung)
  • Optimierte Websites (schnellere Ladezeiten, bessere User Experience, besseres Ranking)
  • Zeitloses Design (länger nutzbar, seltener Relaunch nötig)
  • Standardformate (weniger Verschnitt)

Langfristig profitabel:

  • Imagegewinn bei umweltbewussten Zielgruppen
  • Konformität mit kommenden Regulierungen (EU Green Deal)
  • Einsparungen durch Effizienzgewinne
  • Differenzierung im Wettbewerb

Praktische Checkliste: Zirkuläres Design umsetzen

Für Printprojekte: ☑ Recyclingpapier mit Blauem Engel oder FSC Recycled verwenden ☑ Pflanzenölbasierte Druckfarben spezifizieren ☑ Standardformate nutzen, Verschnitt minimieren ☑ Veredelungen auf recyclingfähige Varianten beschränken ☑ Auflagenhöhe realistisch kalkulieren ☑ Lokale Druckereien bevorzugen (kurze Transportwege) ☑ Klimaneutrale Produktion mit Kompensation wählen

Für digitale Projekte: ☑ Bilder optimal komprimieren (WebP, moderne Formate) ☑ Lazy Loading implementieren ☑ Systemschriften nutzen oder Variable Fonts ☑ Grünes Hosting wählen ☑ Code minimieren, Plugins reduzieren ☑ Dunkle Farbschemata anbieten ☑ Videos nur wo nötig, in angemessener Auflösung ☑ Regelmäßig Performance-Checks durchführen

Generell: ☑ Mit Kunden über Nachhaltigkeitsziele sprechen ☑ Langlebige, zeitlose Gestaltung anstreben ☑ Mehrfachnutzung mitdenken ☑ Transparenz in der Kommunikation ☑ Kontinuierliche Verbesserung statt Perfektionismus

Die Rolle der Mediengestalter: Berater für nachhaltige Kommunikation

Als Mediengestalter haben wir eine besondere Verantwortung und Chance. Wir sind nicht nur Ausführende, sondern Berater. Wir können und sollten Kunden auf nachhaltige Alternativen hinweisen:

„Für diese Broschüre könnten wir auch hochwertiges Recyclingpapier verwenden – das spart Ressourcen und passt hervorragend zu Ihrer Markenwerte.“

„Die Website lädt aktuell sehr langsam. Wenn wir die Bilder optimieren, sparen wir nicht nur Energie, sondern verbessern auch die User Experience und das Google-Ranking.“

„Brauchen wir wirklich 5.000 Flyer? Erfahrungsgemäß werden 30% nicht verteilt. Wie wäre es mit 3.000 und bei Bedarf nachproduzieren?“

Diese Gespräche sind Teil unserer professionellen Verantwortung. Nachhaltigkeit ist kein Zusatzservice, sondern sollte Standard werden.

Ausblick: Zirkuläres Design als neue Normalität

Die Frage ist nicht mehr, ob wir nachhaltiger gestalten müssen, sondern wie schnell wir den Wandel vollziehen. EU-Regulierungen wie der Green Deal, wachsendes Umweltbewusstsein bei Konsumenten und die Klimakrise selbst werden nachhaltige Gestaltung zur Grundvoraussetzung machen.

Die gute Nachricht: Zirkuläres Design ist keine Einschränkung, sondern eine kreative Herausforderung. Die besten Lösungen entstehen oft aus Beschränkungen. Weniger Farben zwingen zu stärkerer Typografie. Reduzierte Dateigröße führt zu klarerem, fokussierterem Design. Nachhaltige Materialien entwickeln eigene ästhetische Qualitäten.

Wer heute beginnt, zirkuläres Design in seinen Workflow zu integrieren, ist nicht nur ökologisch verantwortungsvoll – er ist auch zukunftssicher aufgestellt. Denn die Mediengestaltung von morgen wird nachhaltig sein müssen. Nicht als Pflicht, sondern als Chance für besseres, durchdachteres Design.

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Hallo, ich bin Mediengestalter Digital & Print (IHK). Hier möchte ich euch einen Einblick in die Welt der Gestaltung und alles was dazugehört geben.

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